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Goethes Farbkreis Goethes Farbenlehre

Februar 2004
Tintenanalyse und Neudatierung der drei ersten Gedichte über Farbenlehre

Die drei angeblich ältesten Gedichte Goethes über Farben finden sich in den „Venezianischen Epigrammen“, die Goethe 1795 publiziert und mehrheitlich 1790 in Venedig geschrieben hat. Sie befinden sich in der Handschrift H55, von der angenommen wurde, sie sei unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Venedig entstanden. Bisher wurde daraus gefolgert, Goethe habe schon vor seiner Venedig-Reise durch das Prisma geblickt und seine wichtigsten Erkenntnisse zur Farbenlehre gewonnen. Jetzt ließ sich jedoch nachweisen, dass Goethe nur den ersten Teil der H55 nach seiner Venedig-Rückkehr geschrieben hat. Den zweiten Teil, der die drei „optischen Epigramme“ beinhaltet, ist jedoch erst ein bis vier Jahre später entstanden. Diese Erkenntnis wurde im Februar 2004 durch eine Analyse der H55 mittels Infrarotreflektographie bestätigt.


November 2004
Sonderforschungsbereich "Goethes Farbenlehre"
Goethes Farbkreis
Der Sonderforschungsbereich "Goethes Farbenlehre" an der Universität Jena veranstaltet einen Workshop über die Anfänge von Goethes Farbenlehre. Er behandelt unter anderem die Themen "Ist Goethes 'Konfession des Verfassers' eine Dichtung?", "Datierung der Venezianischen Epigramme über Farbenlehre" und "Goethes natur- und entwicklungsbezogene Motive zu Beginn seiner Farbenstudien".

 
Bis 1949 glaubte man, Goethe habe seinen langjährigen Kampf gegen Newton begonnen, nachdem er vermutlich im Jahre 1791 einen zufälligen Blick durch ein Prisma tat, das ein Bote des Besitzers wieder zurückforderte. Danach lieferte Rupprecht Matthaei zahlreiche Argumente, weshalb dieser entscheidende erste Blick durchs Prisma bereits vor der Venedig-Reise Goethes stattgefunden haben müsse und datierte die zufällige Entdeckung Goethes auf Januar oder Februar 1790. Seitdem wird diese Datierung in allen Lehrbüchern verwendet.  [mehr]

 
Resultierende Erkenntnisse

 
Der Bote Büttners ist frei erfunden

Goethes Autobiographie über die Anfänge seiner Farbenlehre wurde bisher als reine Wahrheit gedeutet, ist jedoch in den wichtigsten Punkten erdichtet. Das vielzitierte und intensiv gedeutete Ereignis, Goethe habe in Anwesenheit eines Boten erstmals durch ein Prisma geblickt, hat nie stattgefunden. Angeblich hat Goethe die Kiste mit den Büttner'schen Prismen schnell noch geöffnet, um wenigstens einmal durch ein Prisma zu blicken. Dabei habe er den Irrtum der Newton'schen Farbentheorie entdeckt - hypothesenfrei und aufgrund physikalischer Überlegungen. 

 
Der Artikel über das Blau stellt den Anfang von Goethes Farbenstudien dar
Bisher wurde angenommen, Goethe habe zuerst durch ein Prisma geblickt, dabei die wichtigsten Elemente seiner Farbenlehre entdeckt und erst nachher den „Artikel über das Blau“ geschrieben – die älteste überlieferte Schrift Goethes über Farben. Goethes erster Blick durch das Prisma fand jedoch erst nach dem „Artikel über das Blau“ statt. Die älteste Schrift Goethes liefert uns daher entscheidende Einsichten über die Anfänge von Goethes Farbenlehre.

 
Goethes erste Schrift beinhaltet vorwiegend die Ansichten Leonardo da Vincis über die Entstehung des Blau aus dem Schwarz
Autobiographisch und in einem Brief an den Physiker Voigt bekennt Goethe, sein „Artikel über das Blau“ sei durch eine kurz vorher publizierte Hypothese des Naturforschers De Saussure angeregt worden. In Wirklichkeit wurde er durch Leonardo da Vinci zu dieser Schrift geführt.

 
Die Venezianischen Epigramme liefern neue Einsichten über die Anfänge von Goethes Farbenlehre
Epigramm 78:
Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches
Hat er euch weis gemacht, das ihr ein Säkulum glaubt.

Die drei angeblich ältesten Gedichte Goethes über Farben finden sich in den „Venezianischen Epigrammen“, die Goethe 1795 publizierte und mehrheitlich 1790 in Venedig geschrieben hat. Sie befinden sich in der Handschrift H55, von der angenommen wurde, sie sei unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Venedig entstanden. Bisher wurde daraus gefolgert, Goethe habe schon vor seiner Venedig-Reise in Anwesenheit des besagten Boten durch das Prisma geblickt und seine wichtigsten Erkenntnisse gewonnen. Jetzt ließ sich jedoch nachweisen, dass Goethe nur den ersten Teil der H55 nach seiner Venedig-Rückkehr geschrieben hat. Den zweiten Teil, der die drei „optischen Epigramme“ beinhaltet, ist jedoch erst ein bis vier Jahre später entstanden.

 
Trotz allem: Goethes Kritik an Newton war verfehlt.

Newton betonte, wann immer er der Einfachheit halber von farbigem Licht spreche, meine er Farbe erregendes Licht. Das Licht trage keinerlei Farbe mit sich. Wo Goethe die Newton'sche Lehre von der Brechbarkeit des Lichts kritisierte, befand er sich in allen Punkten im Irrtum. Seine physikalischen Theorien zur Erklärung der Farbenvielfalt sind falsch. Sein großartiges Naturverständnis zeigt sich vor allem dort, wo er die Entstehung der Farben zu erklären sucht, während Sir Isaac Newton als Meister des Lichts unantastbar bleibt. 
Durch die neue Erkenntnis, Goethe habe sein biologisches Interesse verborgen und vielmehr ein physikalisches Interesse an einer alternativen Farbenlehre vorgegeben, erhalten seine Zitate über die Notwendigkeit einer entwicklungsbezogenen Farbenlehre einen höheren Stellenwert und müssen neu beurteilt werden.
Als weitsichtig erweist sich nun die Goethesche Forderung, die Vielfalt der Farben sollte nicht mathematisch-mechanisch, sondern natur- und entwicklungsbezogen erklärt werden.